Wozu brauche ich einen Therapeuten?

Horizonterweiterer - Erik Grösche

Ich kann das doch alleine …
WOZU BRAUCHE ICH EINEN THERAPEUTEN?

Wir Menschen sind soziale Wesen. Auch wenn die heutige Zeit uns vorgaukelt, wir bräuchten keine anderen Menschen zum Leben, ist das Gegenteil der Fall. Unser Gehirn ist so geschaltet, dass wir auf ein Umfeld mit anderen Menschen angewiesen sind, um unsere Emotionen zu regulieren – und um uns selbst zu erkennen. Das ist einer der Erfolge von Social Media: die Anzahl der Peers – also der Menschen, die mein Leben mitbekommen und (hoffentlich) daran teilhaben – wird immens vergrößert. Aber leider nur scheinbar. Denn nur die wenigsten meiner sogenannten “Friends” haben ein echtes Interesse an mir und meinem Leben. Das ist nicht schlimm, wenn ich ein privates Umfeld habe, in welchem echtes Interesse für mich vorhanden ist. Physischer Kontakt mit echten Menschen ist nicht zu ersetzen – übrigens auch nicht durch einen AI Chatbot. Dieser weckt zwar die Illusion eines empathischen Gegenübers, da er aber nicht echt ist entsteht im Unterbewusstsein eine Dissonanz. Habe ich keine echten (menschlichen) engen Kontakte, so bleibt eine innere Leere. Um dieses Leeregefühl zu kompensieren, werden Strategien wie “noch mehr posten” und “um Zustimmung heischen” versucht, was die Sache verschlimmert, da das Grundproblem nicht gelöst wird. Es wird immer sichtbarer, welche erschreckenden Folgen dies haben kann. Besonders bei jungen Menschen, welche in den wichtigen Entwicklungsjahren mit Social Media und dem Wegfall der Live-Kontakte in der Coronazeit aufgewachsen sind.

Therapeuten als Nachfolger der Schamanen und Medizinmänner

Vor tausenden von Jahren lebten wir in kleinen Gemeinschaften von ca. 30-40 Individuen. Wenn es einem Mitglied psychisch schlecht ging, weil es etwas Belastendes erlebt hatte, half die gesamte Gemeinschaft mit, diesen Menschen zu stabililsieren. Angeleitet wurden diese Zeremonien meistens durch einzelne Personen, die sich dafür berufen fühlten: die Medizinmänner und Schamanen. Noch heute gibt es indigene Stämme, welche so leben. Nur deshalb wissen wir davon. Die Meisten dieser Stämme leben im unzugänglichen Urwald und verteidigen sich gegen die auf sie eindringende neue Kultur der modernen Menschen. Sie versuchen, das ursprüngliche Zusammenleben zu erhalten. Unser Gehirn hat sich laut Wissenschaft seit mindestens 30000 Jahren nicht weiterentwickelt. Einige sprechen sogar von 200000 Jahren. Also passt unser Gehirn nicht zur heutigen Zeit, wie wir leben: vereinzelt, ohne Gruppe/Sippe/Großfamilie … manchmal ganz ohne soziale Kontakte. Ein Therapeut kann nicht alle Funktionen der Gruppe ersetzen, aber die wichtige Funktion: Erlebtes aufzuarbeiten und Unterstützung beim Umgang mit belastenden Emotionen.

Nicht nur Erwachsene sind allein gelassen mit ihren Gefühlen, auch schon die Kinder. Da die Eltern dies bereits so erlebt haben, sind sie meistens nicht in der Lage, ihre Kinder emotional bestmöglich zu unterstützen. Sie haben es selbst nicht anders erlebt und gelernt. Die Menschen wachsen in Familien auf, welche über viele Generationen traumatisiert wurden und diese Traumata werden an die Kinder weiter gegeben.

Im letzten Newsletter schrieb ich über die “Inneren Kinder”, die dann entstehen, wenn es keinen kompetenten Erwachsenen gibt, um dem heranwachsenden Menschen zu helfen, sich zu stabilisieren und wieder in die gefühlte Sicherheit zu kommen.

Zuhören – Mitfühlen – Hinschauen

Wir Menschen sind keine Münchhausens, die sich selbst am Schopf aus dem Morast ziehen. Wir brauchen das Gegenüber im Außen, den Spiegel. Einen anderen Menschen, der genau zuhört, hinschaut, mitfühlt. Jemanden, der die Rolle des damaligen Medizinmanns / Schamanen einnimmt. Der empathisch ist und fühlen kann, was im Gegenüber vor sich geht. Der hilft, sich langsam aus den negativen Gefühlen herauszuarbeiten. Genau das ist die Aufgabe eines Therapeuten. Hierbei ist es wichtig, dass auch er seine eigenen Themen bearbeitet hat oder diese zumindest sehr gut kennt und einschätzen kann. Denn da, wo er bei sich selbst nicht hinschauen kann oder will, kann er auch nichts beim Klienten wahrnehmen. So gibt es beispielsweise das wichtige Thema unterdrückte Wut und Aggression, welches oft ausgeklammert wird, wenn der Therapeut nicht die eigenen Aggressionsthemen kennt. Es wird dann gerne eine Therapiemethode genutzt, bei der die Aggression unwichtig erscheint und von vorne herein fehlt. Handelt es sich um Familienthemen, so ist dies der Grund, weshalb Eltern oder Großeltern nicht die Rolle des Therapeuten einnehmen können, da sie bei dem Thema eventuell selbst einen blinden Fleck haben.

Therapeuten als Bergführer: Vorbereiten – Führen – Unterstützen – Coachen

Die Hauptaufgabe des Therapeuten ist es, einen sicheren Raum zu öffnen und zu halten, damit der Klient sich geborgen, aufgehoben und unterstützt fühlt. Er braucht das notwendige Fachwissen und die Erfahrung, um den Klienten bestmöglich anzuleiten und zu coachen. Ich vergleiche den Therapeuten gerne mit einem Bergführer: Der Klient muss auf “seinen eigenen Berg”. Es ist seine persönliche Prüfung, sein individueller Entwicklungsschritt. Niemand kann es ihm abnehmen oder für ihn hinauf gehen. Er muss es selbst tun. Aber er braucht einen Menschen, der schon oben war. Der den Aufstieg kennt. Der ein Verständnis dafür hat, wie beschwerlich es werden kann. Der für die nötige Sicherung sorgt. Und der genau weiß, wie groß die Einzelschritte des Klienten sind und mit welcher Route er ihn möglicherweise überfordert oder unterfordert. So, dass es das perfekte “Gipfelerlebnis” wird. Die Lernerfahrung, die der Klient braucht.

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Hinweis: Ich verzichte bewusst auf umständliche Formulierungen wie “Der/Die Therapeut:in”, da sie den Lesefluss stören. Es sind immer alle Geschlechter gemeint.

 

Erik Grösche - Horizonterweiterer