Mut

Als ich anfing, mir über das Thema Mut Gedanken zu machen, kam mir die Frage: Wozu brauchen wir Mut?

Angenommen, wir müssen nur selten etwas entscheiden, alles läuft im Fluss und die Entscheidungen fallen leicht … dann brauche ich keinen Mut!

Leider ist das Leben nicht so einfach. Ambivalenzen und Zwickmühlen – das hin- und hergerissen sein zwischen zwei oder mehr Optionen – erfordert ein Entscheiden. Viele meiner Klienten kommen an genau diesem Punkt in meine Praxis: Sie sind blockiert und können nicht entscheiden. Aber der Zustand des Nicht-Entscheidens und Aussitzens ist auch eine Entscheidung – nämlich die Entscheidung, dass sich nichts bewegt – und das hat auf lange Sicht die höchsten Folgekosten und die schlimmsten Konsequenzen. Es fehlt der Mut, sich zu Gunsten einer Möglichkeit zu entscheiden, und damit das Loslassen (scheiden von) der anderen Möglichkeit. Dies steckt schon im Wort „Ent-scheiden“. Sei es, sich für einen bestimmten Lebensweg zu entscheiden, oder, ein Beispiel aus der Kindheit: Der Sprung vom Fünfmeterturm im Schwimmbad. Auf der einen Seite der Drang, es zu tun, immerhin sind die Freunde auch schon gesprungen, auf der anderen Seite die Angst, es könnte etwas passieren (Verletzung, Schmerzen, Versagen).

Letztlich ist es immer die Angst, zu scheitern, zu versagen oder gar zu sterben, welche eine Entscheidung blockiert … und dann braucht es den Mut.

Was ist Mut?
Mut ist ein innerer Zustand, der uns die Kraft verleiht, trotz Gefahr die Entscheidung zu treffen und etwas stark Unangenehmes oder Gefährliches zu tun. Dies gilt jedoch nicht für affektgesteuerte Taten, wo in einer plötzlichen Notsituation, wie einem Unfall, genau das Richtige spontan, ohne nachzudenken, getan wird, sondern bei Situationen, in denen genug Zeit zum Nachdenken ist und alle Eventualitäten und Möglichkeiten im Vorfeld geistig durchgespielt werden können. Dabei kann eine direkte körperliche Gefahr drohen (z.B. Verletzung, Lebensgefahr), wie auch eine indirekte Möglichkeit, welche sich aus einem Scheitern ergeben kann: Sich lächerlich machen, sozialer Abstieg, Armut etc.

Zusammenfassend kann man also sagen: Wir benötigen Mut, um unsere Bedürfnisse und Überzeugungen zu leben – trotz Widerstände, Ängste und Gefahren.

Der Mut-Schalter: Sinn!
Klingt verrückt: Wir können Mut ein- und ausschalten. Jeder kann das. Jeder macht das. Ganz unbewusst. Der Mut-Schalter heißt „Sinn“. Haben wir einen Sinn gefunden, dann verwandelt sich Hoffnung in Gewissheit und Mut ist ganz automatisch vorhanden. Ein Handeln ohne Sinn, also Sinn-losigkeit, kann keinen Mut hervorbringen. Dann stecken wir zwischen den Optionen fest und können uns nicht entscheiden. Ohne Sinn können wir nicht von ganzem Herzen „Ja“ sagen zu einer Option und die andere Option gehen lassen. Ohne Sinn würden wir ewig der losgelassenen Option nachtrauern. „Hätte ich nur damals …. Und wäre ich nur …“. Erst, wenn ich weiß, für was ich diese Option „geopfert“ habe, kann ich dies akzeptieren. Wenn ich ein Ergebnis zu 100% will, dann bin ich bereit, etwas dafür zu opfern. Sei es nun Lebenszeit, Geld, Arbeitskraft oder das Ertragen widriger Bedingungen.

Sinn und Un-Sinn
Ein Leben ohne Sinn kann nicht gelingen.

Wie dieser Sinn aussieht, ist jedem Menschen selbst überlassen, er ist immer individuell und nach den eigenen ethischen Vorstellungen geformt. Es können humanistische, religiöse oder spirituelle Werte sein, welche Sinn stiften, aber auch durch eigene Beobachtungen oder familiäre Herkunft  ein Sinn entstehen. Sinn ist nicht an eine spezielle Weltanschauung gebunden. Der Sinn des einen Menschen kann den Werten eines anderen Menschen sogar vollständig widersprechen, der Andere empfindet es als „Unsinn“.

Mit dem richtigen Sinn können wir Berge versetzen. Der notwendige Mut, auch schwere Strapazen zu überstehen, stellt sich dann wie von selbst ein.

Viele meiner Klienten spüren z.B., dass sie in der Sicherheit, in der sie sich befinden, nicht wachsen können. Sie leiden. Sei es der sichere (aber langweilige) Arbeitsplatz oder eine sichere (aber nicht glückliche) Partnerschaft. Sie stecken fest weil sie nur die Entscheidung für oder gegen diese Sicherheit sehen. Hier kann eine Sinnsuche ganz neue Perspektiven eröffnen. Ja, vielleicht kommt am Ende tatsächlich heraus, dass ein Leben in dieser Situation keinen Sinn macht und etwas anderes gesucht werden muss. Und dann ist auch der Mut dazu da, sobald diese Gewissheit gereift ist.

Oftmals aber zeigt sich ein ganz anderer Lebenssinn, der eine neue Sichtweise auf die Situation bringt und diese dadurch entschärft. Sei es vielleicht, dass ich meinen Partner/meine Partnerin als „Sparringspartner“ begreife, der/die mir hilft zu wachsen. Plötzlich können die ganzen Auseinandersetzungen und Streitereien Sinn machen. Sie zeigen mir, dass ich noch einiges dazulernen kann, und automatisch verbessert sich die Beziehung, denn der Mut, mich weiter einzubringen, ist wieder da.

Somit plädiere ich dafür, jedes Projekt, jede Entscheidung, die ansteht, nach dem Sinn zu hinterfragen. Welchen Sinn sehe ich darin, dies so weiter zu machen? WeIchen Sinn macht es, mich hiervon zu lösen und etwas Neues in mein Leben zu lassen?

Ist dieser Sinn gefunden, brauchen wir uns um den Rest keine Sorgen zu machen. Die Entscheidung wird dann leicht fallen und die Richtige sein. Und der benötigte Mut ist vorhanden.